Boreout-Syndrom – Wenn Langeweile im Job krank macht

06.10.2017 von Sonja Hess

Boreout und UnterforderungDie meisten Menschen haben schon vom Burnout-Syndrom gehört, das durch chronischen Stress und Überarbeitung entsteht und bis zur permanenten Berufsunfähigkeit führen kann. Weniger bekannt ist dagegen, dass Langeweile oder ständige Unterforderung im Job, bekannt als Boreout-Syndrom (to bore – sich langweilen), ebenfalls zu Krankheiten führen kann.

Was sind die Gründe für das Boreout-Syndrom?

Bei dem Boreout-Syndrom handelt es sich erstaunlicherweise keinesfalls um ein Randproblem. Der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zufolge werden mehr als 5 Prozent aller Arbeitnehmer im Job mengenmäßig und 13 Prozent fachlich von chronischer Langeweile geplagt. Das größte Problem dabei ist, dass auf der Arbeit von vielen Arbeitnehmern Höchstleistungen erwartet werden. Wer zugeben würde, unter chronischer Langeweile zu leiden, würde sich selbst mit seiner Aussage ins gesellschaftliche Abseits stellen und von Kollegen, Vorgesetzten, Familienangehörigen und Freunden komisch angesehen werden. Daher leiden Betroffene oft heimlich, bis sie die Symptome nicht länger verbergen können.

Die Gründe für ein Boreout-Syndrom sind vielfältig. Manch ein Arbeitnehmer ist beispielsweise überqualifiziert für den Job. Andere, wie zum Beispiel Fließbandarbeiter, haben nur sich ständig wiederholende Handgriffe zu verrichten, die schon nach kurzer Zeit automatisch ablaufen. Wenn dann noch die Uhr direkt vor der Nase hängt, kann selbst eine Stunde zur Ewigkeit werden. Auch im Dienstleistungssektor ist Unterforderung weit verbreitet, weil beispielsweise Kunden bevorzugt zu gewissen Tages- oder Jahreszeiten kommen.

In manchen Firmen ist sogar der Chef selbst die Ursache der Unterforderung. Das trifft dann zu, wenn er Aufgaben nicht delegiert, sondern lieber alles selbst erledigt, weil er weiß, dass es die Arbeit selber schneller oder besser hinbekommt oder gar nicht weiß, dass bei seinen Mitarbeitern Kapazitäten frei sind oder jemand ein Händchen für diese Aufgabe hätte. Nicht selten leidet er selbst deswegen an Überforderung (Burnout-Syndrom) und deren Symptome, während sich die Mitarbeiter langweilen.

Warum suchen sich unterforderte Arbeitnehmer nicht einfach einen anderen Job?

Weil das gar nicht so leicht ist, wie es Außenstehenden erscheint. Wenn jemand chronisch unterfordert ist, hat er keine Freude an der Arbeit und erfährt in seinen Augen auch keine Wertschätzung. Das kratzt am Selbstbewusstsein und nimmt den Mut und die Energie zu einem Neubeginn. Viele fürchten auch das unvermeidliche Risiko, welches ein Wechsel des Jobs mit sich bringt. Wieder andere denken, dass sie zu alt sind, um noch einmal neu zu beginnen. Typisch für vom Boreout-Syndrom Betroffene ist, dass sie jahrelang schweigend leiden und ihre Unterforderung durch vorgetäuschte Tätigkeit kaschieren, weil sie sich schämen und nicht als Faulenzer abgestempelt werden wollen. Die mangelnde “Aktivität” auf der Arbeit überträgt sich dann auf die Freizeit und sich dann aufzuraffen und Bewerbungen zu schreiben, fällt vielen schwer.

Welche Symptome zeigen sich bei einem Boreout-Syndrom?

Mögliche Erkrankungen sind sowohl psychischer als auch physischer Natur. Am häufigsten führt chronische Unterforderung zu Depressionen in Kombination mit Schlafstörungen und Antriebslosigkeit. Da Unterforderung vor allem bei Bürotätigkeiten vorkommt, werden durch die stundenlange verspannte Sitzhaltung chronische Rückenschmerzen und Herz-Kreislauferkrankungen begünstigt. Unterforderung fördert auch einen Mangel an Bewegung, da hierzu die notwendige Energie fehlt. Dieses wiederum kann zu Übergewicht mit all seinen bekannten negativen gesundheitlichen Folgen führen. Auch der Missbrauch von Genussmitteln wie Nikotin und Alkohol wird durch chronische Unterforderung – sprich Langeweile – begünstigt.

Was kann dagegen getan werden?

Der Arbeitnehmer hat weitaus mehr Möglichkeiten etwas zu ändern als der Arbeitgeber, weil letzterem oft gar nicht bewusst ist, dass seine Mitarbeiter unterfordert sind. Unterforderte Arbeitnehmer müssen erst einmal lernen, ihre Situation einzuschätzen und begreifen, dass sie nicht ausgelastet sind. Wenn sie zu dieser Erkenntnis gelangt sind, können sie Eigeninitiative ergreifen. Dazu gehört zum Beispiel, anderen Kollegen, die offensichtlich gestresst sind, Hilfe anzubieten und ihnen Arbeit abzunehmen. Das wird meistens in der Firma positiv aufgenommen und sorgt für ein gutes Image.

Nach sorgfältiger Vorbereitung kann auch ein Gespräch mit dem Chef nützlich sein, in dem sich der Betroffene bereit erklärt, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich auf intern angebotene Jobs zu bewerben. Dabei ist das Risiko geringer als beim endgültigen Verlassen der Firma. Eine gute Strategie gegen Unterforderung ist auch eine interessante Freizeitbeschäftigung, möglichst entgegengesetzt zur beruflichen Tätigkeit. Wenn nichts mehr hilft, ist die Kündigung oft das letzte Mittel, um einem Boreout-Syndrom vorzubeugen oder ihm zu entfliehen.

Arbeitgeber können der Unterforderung vorbeugen, indem sie beispielsweise ihren Mitarbeitern Weiterbildungsmaßnahmen oder Lehrgänge anbieten oder sogar die ein oder andere Arbeit umverteilen. Bewährt haben sich auch Teambildungsübungen, die den Zusammenhalt zwischen den Kollegen stärken und damit für eine positive Grundstimmung in der Firma sorgen. Einige Unternehmen gestalten inzwischen sogar einzelne Arbeitsplätze als Heim- bzw. Telearbeitsplätze um, da dort aufgrund des anderen Arbeitsumfeldes das Boreout-Syndrom bei gleichem Arbeitsaufkommen kaum vorkommt. / Fotoquelle: fotolia.de / © DDRockstar