Downshifting – der neue Trend zum bewussten Arbeiten

28.12.2016 von Daniela Lütke

Fotoquelle: fotolia.de / © FloydineInnerhalb von lediglich zehn Jahren hat sich im Zeitraum von 2006 bis 2016 die Krankheitsbelastung durch Burn-out nach Angaben der Krankenkasse DAK verzehnfacht. Auch die durch Depressionen verursachten Arbeitsausfälle haben sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Immer mehr Menschen versuchen deshalb, die gestiegene Arbeitsbelastung und den Stress zu reduzieren. „Downshifting“ hilft dabei, das private Leben und die Arbeit in eine sinnvolle Balance zu bringen.

Downshiftig – ein Schritt zum bewussten Leben

Geld verdienen und dabei noch ausreichend Freiräume für ein erfülltes Privatleben zu besitzen – dieser Kompromiss war lange Zeit kaum möglich. Stattdessen stand für einen Großteil der arbeitenden Bevölkerung die Karriere auf Platz eins. Dafür wurden auch private Einschränkungen und lange Arbeitszeiten in Kauf genommen. Seit einigen Jahren ist jedoch eine Umkehr dieses Trends zu beobachten. Anders als in der Vergangenheit steht dahinter jedoch keine generelle Ablehnung des Systems oder die Konsumverweigerung, sondern eine bewusste Lebensführung, die finanzielle und persönliche Interessen und Möglichkeiten in Einklang bringen soll. Ziel des Downshiftings ist deshalb auch nicht ein Ausstieg aus dem klassischen Arbeitsleben, sondern die ausgeglichene Work-Life-Balance. Finanzielle Einbußen durch eine niedrigere Arbeitszeit werden durch einen bewussten Konsum kompensiert, ohne dass der allgemeine Lebensstandard beeinflusst wird.

Von Downshifting profitieren beide Seiten

Ausfälle insbesondere im Management oder bei Ingenieuren sind für Unternehmen häufig kurzfristig nur sehr schwer zu kompensieren. Gleichzeitig ist erwiesen, dass längere Arbeitszeiten nicht unbedingt zu mehr Produktivität führen müssen. Vorreiter der Entwicklung ist Schweden: In dem skandinavischen Land haben einzelne Unternehmen bereits vor einigen Jahren einen scheinbar unglaublichen Schritt gewagt: Die Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden bei vollem Lohn. Nach anfänglicher Skepsis zeigten sich nahezu alle Verantwortlichen von dem System überzeugt. Die kürzere Arbeitszeit hat keinesfalls zu einer geringeren Produktivität geführt. Ganz im Gegenteil: Die Fehlerrate wurde gesenkt, die Mitarbeiter sind motivierter und durch längere Entspannungszeiten steigt die Leistungsfähigkeit in der Arbeitszeit. Die Fehlzeiten durch Krankheit sanken ebenfalls deutlich durch die geringere Belastung.

In Deutschland gehen heute bereits rund ein Fünftel der Fehltage auf psychische und nervliche Erkrankungen zurück. Besonders alarmierend ist, dass andere Faktoren wegen Fortschritten in der Medizin und einer verbesserten Prophylaxe zurückgedrängt werden konnten. Zwischen 2010 und 2015

  • blieben Krankheiten im Muskel- und Skelettsystem stabil auf Platz 1 mit rund 21,5%,
  • sanken verletzungsbedingte Ausfälle von 14,3% auf 11,7%,
  • reduzierten sich Erkrankungen des Verdauungsapparates von 6,3% auf 5,2%,
  • stagnierten Atemwegs- und Kreislaufkrankheiten bei circa 15 beziehungsweise 4,4%,
  • zeigen alleine die psychischen Symptome einen signifikanten Anstieg von 12,1% auf über 16%.

Noch ist Downshifting wenig populär, aber…

Trotz nachweisbarer Vorteile wird die bewusste Zurückhaltung in der Karriereplanung noch selten von den Unternehmen unterstützt. Angestellte und Führungskräfte haben in der Regel noch das Bild einer linearen Karriereleiter mit einem kontinuierlichen Aufstieg vor Auge. Dieses Bild entspricht allerdings schon lange nicht mehr der Realität – ein Knick in der Tätigkeit gehört mittlerweile auch bei Spitzenkräften zum beruflichen Lebenslauf. Wird er jedoch aus eigenem Antrieb bewusst in Kauf genommen, stehen die meisten Arbeitgeber dem Gedanken des Downshifting kritisch gegenüber. Bedenken kommen besonders häufig aus der Verwaltung, die eher auf Aktenlage als auf persönlichen Kontakt entscheidet.

Es ist deshalb besonders wichtig, den Schritt etwa im Bewerbungsschreiben gut zu begründen. Es muss eindeutig sein, dass der Betroffene seine Entscheidung keinesfalls wegen einer Überforderung getroffen hat, sondern bewusst eine Reduzierung der Arbeitsbelastung wünscht. Motive können etwa mehr Zeit für die Familie, das Privatleben oder die Verwirklichung eigener Projekte, wie zum Beispiel einen Hausbau sein. Wer dies von Anfang an klar stellt, wird nahezu immer auf Verständnis stoßen. Die Vorteile für den Arbeitgeber sollten ebenfalls hervorgehoben werden. Gerade bei Fachpersonal und hochqualifizierten Mitarbeitern steht dieser dem Vorhaben zwar anfangs meistens skeptisch gegenüber, zeigt sich aber letztendlich nahezu immer kompromissbereit – schon allein, um angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt wichtige Angestellte im Unternehmen zu halten. / Fotoquelle: fotolia.de / © Floydine