Strategisches Ablehnungsmanagement in der Berufsunfähigkeitsversicherung?

- 02.08.2014 von Marlen Schurr -

BerufsunfähigkeitDie Berufsunfähigkeitsversicherung steht immer wieder in der Kritik. Versicherern wird vorgeworfen, sich im Leistungsfall sperrig zu zeigen, nach Ablehnungsgründen zu suchen oder eine bewusste Verschleppung zu betreiben. Trifft dies die Realität oder handelt es sich um Ausnahmeerscheinungen?

Leistungspraxis-Test: Versicherungsverhalten untersucht

Mit dieser Frage hat sich das Analysehaus Franke & Bornberg befasst, das seit Jahren Versicherungsprodukte und -unternehmen untersucht. In einem sogenannten Leistungspraxis-Test ging es darum, das Regulierungsverhalten der Versicherungsunternehmen näher zu überprüfen. Dabei wurde eine repräsentative Stichprobe von 700 Fällen aus einer Grundgesamtheit von 22.400 Leistungsfall-Neuanmeldungen ausgewählt. Bei 75 Prozent der Stichprobe handelte es sich um Ablehnungen. Für die Studie hatten sieben namhafte Versicherungsunternehmen, die einen erheblichen Teil des Marktes repräsentieren, Daten zur Verfügung gestellt.

Die Erkenntnisse der Studie relativieren das negative Bild, das zum Teil in der Berichterstattung gezeichnet wird. Nach Feststellung des Analysehauses handelt es sich nur um etwa ein Dutzend Einzel-Vorkommnisse, die immer wieder zum Gegenstand der öffentlichen Kritik werden.

Nicht-Leistung heißt nicht Ablehnung

Tatsächlich bestand bei den genannten 22.400 Fällen eine Anerkennungsquote von fast 59 Prozent, bei 41 Prozent erfolgte keine Leistung. Dabei handelte es sich aber nicht durchgängig um Ablehnungen, bei fast jedem dritten Fall ohne Leistung bestand der Grund darin, dass der Versicherungsnehmer seine Leistungsanmeldung selbst nicht weiterverfolgte.

Bei den Ablehnungsfällen bildete die medizinische Ablehnung (Berufsunfähigkeitsgrad wurde nicht erreicht) mit einem Anteil von 37,5 Prozent die größte Position, auf häufig umstrittene Vertragsklauseln wie die abstrakte oder konkrete Verweisung entfielen dagegen nur ca. 3 Prozent der Ablehnungen. Allerdings kam es in fast jedem dritten Fall zu einer Anfechtung oder dem Rücktritt des Versicherers. Dennoch zeigen die Zahlen, dass die Situation differenzierter betrachtet werden muss, als sie in Medienveröffentlichungen erscheint.

Kein systematisches Hinhalten

Franke & Bornberg haben sich in ihrer Studie eingehend mit dem Thema ‚Hinhaltetaktik‘ befasst. Dazu wurden die Regulierungsdauern bei den einzelnen Versicherern genauer betrachtet. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit ist danach im Analysezeitraum 2007 bis 2012 sogar gesunken – sowohl bei Anerkennungen als auch bei Ablehnungen. Anerkennungen dauerten danach 2012 etwas unter 160 Tage, Ablehnungen 180 Tage. Aus diesen Zahlen lässt keine systematische Hinhaltetaktik der Versicherer ableiten.

Lange Bearbeitung: unterschiedliche Ursachen

Monatelange Bearbeitungsdauern haben unterschiedliche Gründe. Ein wichtiger Punkt sind die oft langwierigen medizinischen Abklärungen. Bemängelt wird ein oft zu schematisches Vorgehen der Versicherer, das aber wegen der möglichen rechtlichen Folgen nachvollziehbar sei. Zu Verzögerungen trägt nach Erkenntnis der Analysten auch eine häufige Überforderung der Versicherten mit komplexen und umfangreichen Fragebögen bei. Hier sei kompetente Unterstützung durch Vermittler gefragt. Auch bei anderen Feldern sehen die Verfasser der Studie durchaus noch Verbesserungsbedarf. So dauere die Erstellung von Gutachten bei psychischen Erkrankungen oft zu lange. Ein Grund dafür sei, dass es zu wenig qualifizierte Gutachter gebe.

Milliardenvolumen ausgezahlt

Zusammenfassend kann von einem strategischen Ablehnungsmanagement in der Berufsunfähigkeitsversicherung keine Rede sein. Derzeit bestehen in Deutschland rund 16 Millionen Berufsunfähigkeits-Policen. 2012 wurden 280.000 Renten mit einem Volumen von 1,7 Mrd. Euro ausgezahlt. / Fotoquelle: fotolia.de / © Werner Dreblow

Autor: Marlen Schurr

Eine Autorin der ersten Stunde und Frauchen von Emma. Marlen hat Betriebswirtschaft studiert und danach lange bei einer großen Bank gearbeitet. Finanzen und Wirtschaftsthemen sind ihr Steckenpferd, auch bei der Altersvorsorge weiß sie, wovon sie schreibt. Während ihrer Elternzeit hat sie zum Glück immer wieder Zeit gefunden, sich durch Seminare und Vorträge auf dem Laufenden zu halten und arbeitet inzwischen wieder stundenweise in ihrem alten Job, getreu dem Motto „einmal Banker, immer Banker“. Wir freuen uns, dass sie auch den Weg zu uns zurückgefunden hat und wieder da ist!