Gender Pay Gap: Diskussion um mehr Transparenz bei Löhnen und Gehältern

- 29.04.2015 von Sonja Hess -

GehaltstransparenzDie Höhe der individuellen Gehälter gehört in deutschen Unternehmen zu den bestgehüteten Geheimnissen. Nach Plänen der Familienministerin könnte sich das zwar bald ändern, doch der Nutzen einer zwangsweisen Offenlegung ist umstritten.

Mehr Gehaltstransparenz – ja oder nein?

Wenn in Deutschland eine Stellenanzeige mit einer konkreten Gehaltsangabe erscheint, dann handelt es sich fast immer um das Stellenangebot eines ausländischen Unternehmens, denn in einigen anderen Ländern ist es durchaus üblich, Stellenausschreibungen mit der Nennung einer konkreten Vergütung zu verbinden. Deutsche Unternehmen halten sich dagegen in dieser Hinsicht gern bedeckt, und auch Behörden und öffentliche Institutionen geben bei Stellenausschreibungen in aller Regel nur die Einordnung der zu besetzenden Stelle in eine bestimmte Vergütungs- oder Besoldungsgruppe an. Die tatsächliche individuelle Vergütung kann dann jedoch je nach Alter und Berufserfahrung des Stelleninhabers zum Teil erheblich variieren. Viele Deutsche fänden es jedoch gut, mehr über die Vergütung ihrer Kolleginnen und Kollegen zu wissen.

In einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Magazins „Stern“ durchgeführt hat, gaben immerhin rund 33 Prozent der Befragten an, sie würden es begrüßen, sich über die Löhne und Gehälter von anderen Beschäftigten ihres Betriebs mit vergleichbaren Tätigkeiten informieren zu können. 27 Prozent der Befragten meinten, es solle generell offengelegt werden, wer in einer Firma wie viel verdiene. Allerdings votierten auch 38 Prozent dafür, dass die Höhe von Löhnen und Gehältern künftig weiter geheim bleiben solle.

Familienministerin lässt Gesetzentwurf vorbereiten

Die Verfechter einer größeren Vergütungstransparenz bekommen derzeit Unterstützung von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), deren Ministerium aktuell einen entsprechenden Gesetzentwurf vorbereitet. Damit will die Ministerin Vergütungsunterschiede zwischen Männern und Frauen – das sogenannte Gender Pay Gap – sichtbar machen und gewährleisten, dass sich künftig „möglichst alle Angestellten“ darüber informieren können, wie viel andere Kollegen für die gleiche Tätigkeit erhalten.

Auf die vorbehaltlose Unterstützung durch die Frauen, die sie mit ihrem Vorstoß fördern will, kann die Ministerin dabei aber offenbar nicht zählen. Nur 32 Prozent der weiblichen Befragten befürworten ein solches Gesetz. Bei den Männern liegt der Anteil der Befürworter mit 33 Prozent zwar marginal höher, aber dennoch deutlich unterhalb einer Mehrheit. Der Wunsch nach mehr Informationen über die Vergütungsstruktur geht also offenbar bei beiden Geschlechtern nicht zwangsläufig mit dem Wunsch nach einer gesetzlichen Verpflichtung zur Offenlegung einher. Besonders hoch ist der Anteil derjenigen, die eine Offenlegung der Löhne und Gehälter generell ablehnen, bei den Anhängern der Unionsparteien (49 Prozent). Dagegen finden sich hohe Anteile der Befürworter sowohl unter den Sympathisanten der Linken als auch der Grünen (43 bzw. 42 Prozent). Im Osten Deutschlands liegt die Quote der Befürworter mit 35 Prozent zudem deutlich höher als im Westen, wo sich nur ein Viertel der Befragten eine Offenlegung wünscht.

Experten sind geteilter Meinung

Die Familienministerin begründet ihren Vorstoß damit, dass Frauen dadurch die Chance bekämen, ihr Gehalt mit dem ihrer männlichen Kollegen zu vergleichen. Bestenfalls könne die neue Transparenz für „gerechtere Gehälter“ sorgen. Eine Pflicht zur Offenlegung der Vergütungen würde allerdings einen Bruch mit der bisherigen Rechtslage bedeuten. Denn aktuell gibt es für Angestellte keinen gesetzlichen Anspruch darauf, dass sie die Höhe der Vergütung ihrer Kollegen erfahren. Auch die Betriebsräte dürfen keine Gehaltsinformationen publik machen. Wer sich über die Höhe seines Gehalts im Vergleich zu anderen informieren möchte, kann deshalb bislang nur die Gehaltsreports als Anhaltspunkt nutzen, die regelmäßig von verschiedenen Vergleichsportalen, Stellenbörsen, Magazinen und anderen Anbietern erstellt werden. Diese Informationsquellen geben allerdings nur eine ungefähre Auskunft über das Gehaltsniveau in bestimmten Branchen oder Berufsgruppen, nicht aber über die Vergütungsstrukturen in konkreten Unternehmen.

Experten sind über die Initiative des Familienministeriums geteilter Meinung. Während insbesondere Vertreter der Gewerkschaftsseite den Vorstoß begrüßen, betrachten ihn andere Fachleute mit einiger Skepsis. Wenn diese Idee von der Politik umgesetzt werde, dann schaffe das Unruhe in den Betrieben und führe zu neuer Bürokratie, so beispielsweise die Begründung eines Kritikers. Auf die Betriebe kämen dann zusätzlich zu den bereits bestehenden Belastungen noch weitere, überspannte Berichtspflichten zu. / Fotoquelle: fotolia.de / © ibreakstock

Autor: Sonja Hess

Freiberufliche Autorin und Powerfrau, die sich in allen Bereichen zum Thema Arbeitsrecht, Finanzen und Karriere auskennt. Sie macht uns vor, dass es kein Problem ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. 2012 hat sie ihren ersten Text für uns geschrieben und nach einer etwas längeren Babypause freut sie sich nun, wieder die Ärmel hochkrempeln und schreiben zu können